Grundgedanken der Philosophie Mathilde Ludendorffs
Ich möchte Sie mitnehmen zu einer Wanderung durch die
Philosophie Mathilde Ludendorffs, die sie selbst als
„Gotterkenntnis" bezeichnet.
Ihre Philosophie befaßt sich nicht mit irgendwelchen abstrakten
Gedankenspielereien, sondern steht auf dem Boden der
Wirklichkeit und beantwortet die wichtigsten Fragen im Leben
eines Menschen, und zwar
-
nach dem Sinn des Lebens,
-
nach der Bedeutung des Sterben-Müssens
-
nach dem Sinn der menschlichen Unvollkommenheit
-
nach der Grenze zwischen Pflicht und Freiwilligkeit und
-
nach der Bedeutung der Völker und noch vieles mehr.
Die Gotterkenntnis stützt sich auf die Entwicklungsgeschichte
ebenso wie auf einzelne als richtig erkannte Einsichten der
Philosophen Plato, Kant und Schopenhauer. Zudem steht sie im
Einklang mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen unserer
Zeit.
Für unsere Wanderung brauchen wir einige Wegweiser, ohne die wir
uns verirren.
Diese bestehen in der Definition einiger Begriffe, auf denen die
Philosophie aufbaut. Sie sind notwendige Voraussetzung für das
Verständnis.
Dabei führt jede Begriffserklärung weiter hinein in die
Gedankenwelt Mathilde Ludendorffs.
Vernunft und Intuition
(Zum Seitenanfang)
Nach Kant hat die Welt zwei Seiten. Auf dieser Erkenntnis baut
Mathilde Ludendorff ihre Philosophie auf.
Die erste ist die äußere, sichtbare Seite, das Diesseits, die
Erscheinung, alles Nachweisbare. Um sie zu erfassen, braucht der
Mensch die Vernunft. Sie befähigt uns durch ihre Eigenschaften,
alle Erscheinung in Raum und Zeit einzuordnen, sie nach Ursache
und Wirkung zu überprüfen (Urteilskraft), uns eine Vorstellung
von ihr zu machen (Vorstellungskraft), diese im Gedächtnis zu
bewahren (Erinnerungskraft) und uns gedanklich irgend etwas
auszumalen (Phantasie/Einbildungskraft).
Mit Hilfe der Vernunft (Forschung) gelangen wir zu
naturwissenschaftlichen Erkenntnissen.
Die für die Vernunft notwendigen Fähigkeiten, die Denk- und
Urteilskraft, die Vorstellungs- Einbildungs- und
Erinnerungskraft, können ausgebildet, aber auch gelähmt werden.
Vernunfterkenntnisse können erlernt und übermittelt, aber unter
Umständen - wenn auch selten - intuitiv erfahren werden. Dann
müssen sie jedoch im Nachhinein immer eine Bestätigung durch die
Naturgesetze erhalten.
Jedoch bleiben wir hinsichtlich unserer Vernunfterkenntnis
lebenslang irrfähig.
Ohne die Vernunft und ihre Erkenntnisse könnten wir heute nicht
das Leben so führen, wie wir es tun. Sie hilft uns, durch
Erkennen der Naturgesetze den Daseinskampf zu erleichtern.
Denken wir dabei nur an die Verwendung des elektrischen Stroms,
die Fortbewegungs- und Nachrichtenmittel.
Mit Hilfe der Vernunft kann sich der Mensch gegen Unwissenheit
und Seelenmißbrauch wehren. Daher wird der Vernunftausbildung
auch in der Erziehung hoher Wert beigemessen.
Doch ist Vernunfterkennen nicht auf alle Gebiete anwendbar.
Darüber, was nicht Erscheinung ist, kann und darf sie sich keine
Vorstellung machen. Hier liegen die von Kant erkannten Grenzen
der Vernunft (Kritik der reinen Vernunft).
Damit kommen wir zur zweiten Seite der Welt.
Glaubte Kant noch, diese zweite, innere, nicht sichtbare Seite
der Welt, die Nicht-Erscheinung, das „Ding an sich", wie er es
nennt oder das Jenseits, wie es Mathilde Ludendorff bezeichnet,
könne vom Menschen nicht erfaßt werden, so irrte er. Es ist das
Verdienst der Philosophin, dafür die zweite Erkenntniskraft des
Menschen entdeckt zu haben: das Ich der Menschenseele, das
dieses Wesen der Erscheinung bewußt, aber intuitiv erlebt.
Was ist denn das
„Wesen der Erscheinung"?
werden Sie vielleicht fragen. Hier bahnte Plato den Weg, der auf
der Suche nach dem zeitlos Gültigen sittliche Ideale und
Tugenden nannte. Seine Idee des Guten und seine Tugenden -
Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit und Gerechtigkeit – erkannte
die Philosophin als das „Wesen der Erscheinung", das sie aber -
umfassender - als das Gute, das Schöne, das Wahre und eine davon
geleitete Menschenliebe beschreibt. Diese „Ideale" können nur
erlebt werden. Ihr Erleben kann spontan erfolgen, aber auch
angeregt werden z.B. durch edle Taten, wie die Befreiung eines
Volkes von Unterdrückung, durch wahre Worte, die auch durch
Todesandrohung nicht zurückgenommen werden, durch Kunstwerke
oder die Natur. Eine Beschreibung dieses Erlebens ist nicht
möglich, denn es ist nicht mit der Vernunft und ihren
Möglichkeiten faßbar. Genausowenig kann es erzwungen, eingeübt
oder jemandem eingeredet werden.
Versuchen Sie einmal, einen anderen Menschen dazu zu bringen,
etwas schön zu finden. Wenn ihm etwas nicht gefällt, hilft kein
Überreden. Allenfalls kann er veranlaßt werden, zu heucheln oder
durch suggestive Beeinflussungen dazu gebracht werden.
Überlegungen darüber, was einem denn das Schöne, Gute, Wahre und
göttlich gerichtete Fühlen nützt, zu welchen Zweck es am besten
einzusetzen wäre oder welche Folgen es nach sich ziehen könnte,
zerstören den Wert dieser Ideale. Sie wollen um ihrer selbst
willen gelebt und erlebt werden, und zwar spontan und
freiwillig.
Das „Wesen der Erscheinung" kann zwar nicht definiert, aber
durch Gleichnisse übermittelt werden, wie durch Musik, Dichtung,
Malerei, Plastiken oder Bauwerke, die den – dafür offenen -
Betrachter oder Zuhörer den jenseitigen oder auch transzendenten
Gehalt dieses Werkes bzw. das, was dessen Schöpfer bewegte,
nacherleben lassen.
Das bewußte Erleben des Ichs ist also nichts Mystisches; es
befindet sich nur jenseits der Erkenntniskraft der Vernunft und
entzieht sich damit den Vernunftkategorien: Zeit, Raum und
Ursächlichkeit. Nachvollziehen können Sie das, wenn Sie
versuchen, das Schöne zu definieren. Vielleicht gelangen Sie
noch zu irgendwelchen Harmoniegesetzen, also Vernunftaussagen,
jedoch beschreiben diese immer nur einen Teil des Sichtbaren und
können niemals das Wesen des Schönen vollständig erfassen.
Genauso ergeht es einem mit der Liebe, dem Guten, dem Edlen oder
der Würde. Der Mensch erlebt sie intuitiv, aber nicht durch die
Vernunft sondern allein durch das „gottahnende Ich der
Menschenseele", wie es Mathilde Ludendorff ausdrückt
Lediglich die Wahrheit ist als Übereinstimmung des Vorgestellten
oder Gebotenen mit dem Tatsächlichen der Vernunft noch so nahe,
daß sie auf die Erscheinungswelt angewendet und in Worte gefaßt
werden kann. Denn mit Hilfe der Denkkraft der Vernunft versuchen
wir die Wahrheit zu ergründen.
|
Vernunft und
Erscheinung gehören ebenso zusammen wie Intuition
und das Wesen der Erscheinung. Die beiden
Erkenntniskräfte dürfen nicht verwechselt und auf
das falsche Gebiet angewendet werden. |
Was ist Gott?
(Zum Seitenanfang)
Sie lasen ja gerade den Ausdruck „gottahnendes Ich".
Mathilde Ludendorff verwendet den uralten (in Urzeiten als
Inbegriff der Vollkommenheit verwendeten) Begriff „Gott" und
versteht darunter etwas ganz anderes als die bekannten
Weltreligionen. In ihrer Philosophie ist damit kein persönlicher
Gott gemeint. Gott, das Göttliche, das Absolute oder das
Jenseits, das Geniale oder das „Ding an sich" umfaßt das Wesen
der Erscheinung, also das Schöne, das Gute, das Wahre und eine
davon geleitete Menschenliebe. Auch der sogenannte Gottesstolz
als Erleben göttlicher Würde und Erhabenheit sowie die Fähigkeit
zur Elternliebe (bes. die Mutterliebe) sind im Ich angelegt und
haben eine Verbindung zum Göttlichen. Sie bergen eine Reihe
Eigenschaften, wie das Freiheitsstreben, Leistungsfreude, aber
auch Verantwortungsbereitschaft und Fürsorglichkeit. Gott umfaßt
alles das, wofür das intuitive Erkennen zuständig ist bzw. das
Ich der Menschenseele.
Gott ist nicht zu beweisen und nicht zu definieren, sondern nur
zu erleben. Erst wenn das Göttliche sich in einer Erscheinung
ausdrückt, Werk, Wort oder Tat wird, kann die Vernunft diese
erfassen.
Beispiel:
Alles Geniale/Göttliche, das ihn bewegte, seine Werke zu
schaffen, ist nicht zu beschreiben, es entzieht sich der
Vernunft. Doch hat sich sein Erleben einen Weg in die Welt der
Erscheinung gebahnt, indem seine Musik von ihm durch die
Notenschrift auf das Papier gebracht wurde. Seitdem kann sein
Werk von Musikern wiedergegeben und damit über die Sinne anderen
zugänglich werden. Natürlich entzieht sich auch das
innerseelische Erleben des Wiedergebenden (ebenso wie des
Zuhörers) der Vernunft, aber er kann feststellen, welchen
Gesetzmäßigkeiten das Musikstück folgt. Auf diese Weise kann er
das Werk mithilfe der Vernunft von außen erfassen.
|
Eigenes Erleben
Gottes oder des Göttlichen ist unabhängig von jeder
Belehrung und kann nicht geschult oder gar erzwungen
werden. Es muß freiwillig erfolgen. Auch der
Ungebildete kann Gott erleben. |
Jede Persönlichkeit hat ihren eigenen besonderen, von ihrer
Wesensart gestalteten Zugang zum Göttlichen und erlebt es je
nach dem Grad ihrer Offenheit dafür. So vielseitig wie die
Ausprägungen menschlicher Eigenarten sind, so mannigfaltig
gestaltet sich letztendlich auch dieses Jenseitserlebens der
Menschen. Schon deshalb ist Gotterleben nicht übertragbar.
Das Sehnen nach Idealen ist angeboren. Das zeigen uns die
kleinen Kinder mit ihrer Freude an Blumen, den edlen Gestalten
der Märchen und durch ihre anfängliche Unfähigkeit, zu lügen.
Dieses Sehnen gibt es seit dem ersten Menschen. Schon früh
wurden Gebrauchsgegenstände verziert, wurde versucht, die eigene
Umgebung so schön wie möglich zu gestalten, wie die entdeckten
Höhlenmalereien beweisen. Und welche Erklärungen gibt es dafür,
daß es bereits vor 3000 Jahren Menschen gab, die ihre Toten auf
Wiesenblumen bestatteten? Dies sind alles Verhaltensweisen, die
nichts mit Nützlichkeit zu tun haben.
Jede unserer vier Bewußtseinsfähigkeiten wird von einem der
göttlichen Wünsche überstrahlt: Das Wahrnehmen von Schönem, das
Denken von Wahrem, das Handeln von Gutem und das Fühlen von
göttlich gerichtetem Lieben und Hassen.
Das bewußte Erkennen eines Erlebens des Schönen, Guten, Wahren
und der göttlich gerichteten Menschenliebe, also von absoluten
Werten, die übrigens keine Zugeständnisse kennen, hat uns nun
schon mitten hinein in die Gotterkenntnis von Mathilde
Ludendorff geführt.
Was ist nun der Sinn des
Menschenlebens?
(Zum Seitenanfang)
Ausgehend von den physikalischen und chemischen Gesetzen muß der
Sinn des Menschenlebens vor dem Tode erfüllt werden, da er an
das Bewußtsein des Menschen gebunden ist. Ist dieses
geschwunden, zersetzen sich die Zellen in die Bausteine, aus
denen sie einst gebildet wurden, verwandelt sich organisches
Material wieder in anorganisches. Somit ist auch kein seelisches
Weiterleben mehr möglich.
Der Mensch ist unvollkommen; dieser Behauptung wird
wahrscheinlich jeder zustimmen, der erlebt, wie sich mancher
durch Alkohol, Drogen oder Arbeit zugrunde richtet. Auch Zank,
Rachsucht, Bosheit, Neid, Gier und die vielen Kriege lassen den
Menschen alles andere als vollkommen erscheinen, obwohl er - und
das scheint zunächst als Widerspruch - als einziges Lebewesen
auf Erden Bewußtsein besitzt und damit das höchstentwickelte
ist.
Anscheinend läßt ihn in bestimmten Situationen die Vernunft im
Stich. Bei der Suche nach dem Auslöser für solch
selbstschädigendes oder widersinniges Handeln stieß Mathilde
Ludendorff zunächst auf die intuitive Erkenntnis Schopenhauers,
daß das Wesen des gesamten Weltalls Wille ist, den alle
unbelebte Substanz ebenso zeigt wie jedes Lebewesen, der umso
deutlicher zutage tritt, je höher das Lebewesen entwickelt ist.
Dieser Wille äußert sich darin, daß er einen Stein seine Form,
ein Lebewesen sein Leben erhalten lassen möchte. Beim Tier ist
dieses Überleben-wollen durch Instinkte gesichert, also durch
einen angeborenen Zwang gewährleistet. Es hat gar keine Wahl,
anders zu handeln. Aber der Mensch hat eine Wahl, nämlich zum
Guten wie zum Schlechten, zum Rettenden wie zum Schädigenden,
zum Sinnvollen wie zum Blödsinnigen. Mit Hilfe der Vernunft kann
er sich alle Folgen ausmalen, sie im Gedächtnis speichern und
Rückschlüsse ziehen. Da er weiß, was auf ihn zukommt, versucht
er so zu handeln, daß ihm das Erwartete nicht zu unangenehm
wird. Sein Selbsterhaltungswille ist also an die Eigenschaft
gebunden, Unangenehmes zu vermeiden und angenehme Lösungen zu
suchen, auch wenn das auf Kosten der eigenen Gesundheit oder der
eigenen Seele geschehen sollte. Der Mensch ist unvollkommen
geworden.
Wenn Sie den „inneren Schweinehund" kennen, dann wissen Sie, was
gemeint ist!
Als „Lustmaximierung" ist dieses Streben inzwischen auch von
anderen Psychologen anerkannt. Mathilde Ludendorff spricht hier
philosophisch vom gottverlassenen, unvollkommenen oder auch
lustversklavten Selbsterhaltungswillen.
Dieser Eigenart des Selbsterhaltungswillens begegnen wir auf
Schritt und Tritt.
Überlegen wir einmal, wann wir uns ärgern, Unmut empfinden oder
schlechte Laune bekommen! Dann nämlich, wenn etwas nicht nach
unseren Vorstellungen verlaufen ist, wir einen Tadel erhalten
oder etwas verloren haben, also ein Unlusterleben hatten. Im
Gegensatz dazu freuen wir uns, wenn etwas gelungen ist, oder es
sich so abgespielt hat, wie wir es uns vorgestellt oder
gewünscht haben. Auch Macht bereitet Lust und ist Auslöser für
viele Taten. Macht erhält man nicht nur durch Reichtum, Einfluß
und Wissen; auch Handlungen, die anderen Schaden zufügen, lösen
angenehme Gefühle, Befriedigung oder Machtgefühle aus.
|
Dieser
gottverlassene Selbsterhaltungswille ist nun der
Gegenspieler des gottahnenden Ichs der
Menschenseele. |
Das soll am Beispiel der Wahrheit verdeutlicht werden:
Das gottahnende Ich eines Menschen möchte dem Ideal der Wahrheit
folgen und die Wahrheit sagen. Der Selbsterhaltungswille mit
seiner äußerst irdischen lustversklavten Eigenschaft weiß aber,
daß eine Wahrheit unangenehme Folgen haben kann, die er
vermeiden möchte. So zieht er ein Vermeiden der Wahrheit vor.
Die Kraft, die im Augenblick kurz vor der Tat am stärksten
ausgeprägt ist, wird die Entscheidung herbeiführen.
Ihrem berechtigten Einwand, daß der Mensch danach ja gar keine
Willensfreiheit hätte,
und somit an seinem Verhalten schuldlos sein müßte, begegnet die
Philosophin mit dem Hinweis auf Ruhezeiten, in denen ein Mensch
über sich nachdenken, sein Gewissen (s.u.) verfeinern und dieses
Kräfteverhältnis so verändern kann, daß die Ausgangslage bei der
nächsten Entscheidung eine andere ist. Natürlich spielen bei
allen Entscheidungen auch noch angeborene und erworbene
Charaktereigenschaften mit, aber auch diese sind auf die
beschriebene Weise veränderbar.
Die Entwicklung dieser beiden Gegenspieler, d.h. die
Abhängigkeit von Lustgier und Leidangst kann nun im Laufe eines
Menschenlebens ganz unterschiedliche Wege nehmen:
Die Abhängigkeit kann ein Leben lang erhalten bleiben und nur
gelegentlich in Stunden der Erhebung, in Zeiten des Einklangs
mit den göttlichen Wünschen, zum Schweigen gebracht werden.
Immer wieder fällt der Mensch in die Abhängigkeit von Lust und
Leid zurück, wechselt von göttlichem zu widergöttlichem Tun. Er
bleibt so, wie er geboren ist: er bleibt unvollkommen.
Werden die göttlichen Wünsche für ihn nur noch zur leeren
Redensart, entscheidet er ausschließlich danach, was ihm nützt
oder mit irgendeinem Zweck verbunden ist, hat er seine Seele
„eingesargt", wurde er zu dem von Mathilde Ludendorff so
genannten „plappernden Toten".
Dieser unvollkommene Selbsterhaltungswille kann jedoch auch
gezähmt werden, durch Arbeit an sich selbst. Der starke Wunsch,
sich zu ändern, das Erkennen eigener Schwächen –
Selbsterkenntnis, die sich nichts vormacht - ist Voraussetzung.
Selbstbeherrschung gehört ebenso dazu wie eine ehrliche
Gewissensprüfung (s. u.). Dann entscheidet immer öfter nicht
mehr der gottverlassene Selbsterhaltungswille, der ja immer
Zweck und Nutzen einbezieht, die Tat, sondern sie wird immer
häufiger geleitet von den göttlichen Wünschen.
Nicht Askese oder Weltflucht führen dahin, auch nicht das
Abtöten von Freude und Leid. Im Gegenteil: durch die
Verinnerlichung der göttlichen Werte wird das Erleben von Freude
und Leid tiefer, aber auch der Blick für das Edle geschärft. Mit
dem Überwinden von Lustgier und Leidangst des
Selbsterhaltungswillens und einem Verinnerlichen der göttlichen
Wünsche ist ein Mensch „vollkommen" geworden. Dabei zieht er
sich nicht zurück sondern bleibt mitten im Leben.
Damit haben schon einen großen Teil unserer Wanderung bewältigt:
|
Ein Leben, bewußt
geführt im Einklang mit den göttlichen Wünschen, und
zwar ausnahmslos und unbedingt, erhaben über und
unnahbar für alles Schlechte, Häßliche und Unwahre,
das ist der Sinn des Seins. |
Diese Arbeit an sich selbst, diese Selbstveredlung, wird von
Mathilde Ludendorff „Selbstschöpfung" genannt. Jeder Mensch hat
aus sich heraus die Kraft und die Fähigkeit, seine Seele
vollkommen werden zu lassen. Doch ob er das tut, das ist seine
freie und ureigenste Entscheidung und das muß sie immer bleiben.
Denn es ist keiner da, der ihn prüft, bewertet, belohnt oder
bestraft. Er ist hierbei nur sich selbst verantwortlich. Seine
persönlichen Begabungen bzw. Begabungsgrenzen bleiben von der
Selbstschöpfung jedoch unberührt. Deshalb spricht Mathilde
Ludendorff gelegentlich auch von „bedingter Vollkommenheit", die
ein Mensch erreichen kann.
Zu Gotterleben ist jeder Mensch fähig, unabhängig von seinem
Erbgut, seinem Schicksal und seiner Bildung. Dabei ist das
Göttliche erhaben über die Anzahl der Menschen, die es erleben.
Schon das Streben der Menschen nach Werten und Idealen adelt
sie. Nicht nur die seltenen Vollkommenen, auch die vielen
unvollkommen Gebliebenen erfüllen in Stunden der Erhebung ihr
Sehnen nach dem Göttlichen. Und vor allem tragen sie dazu bei,
daß ein Volk nicht ausstirbt.
Doch sind noch Fragen offen geblieben:
Warum müssen wir sterben?
(Zum Seitenanfang)
Die Sehnsucht nach Unsterblichkeit spielt in nahezu allen
Religionen eine Rolle. Um dies zu erklären ist auch hier wieder
ein Blick in die Entwicklungsgeschichte hilfreich. So gab es zu
Beginn der Evolution ein Lebewesen, das keinen Alterstod kannte,
das nicht sterben mußte, wenn es nicht verhungerte, erkrankte
oder verunglückte. Es konnte theoretisch ewig leben; es besaß
sozusagen die Kraft zur Unsterblichkeit. Das war unser
Ururururur … vorfahr, der potentiell unsterbliche Einzeller (Protozoon),
dessen Erbgut wir noch in uns tragen, der – so könnte man sagen
- für diese Sehnsucht, für dieses Erberinnern verantwortlich
ist.
Natürlich hat sich Mathilde Ludendorff gefragt, warum es
überhaupt zu einer Weiterentwicklung gekommen war. Denn der
Einzeller hatte eigentlich alles, was er brauchte, war bestens
für das Überleben ausgestattet. Er war, wie die Philosophin es
ausgedrückt, „wunschgesättigt". Darwin hatte dafür keine
Erklärung.
Warum kam es also zur Weiterentwicklung?
Die Erklärung lautet: Das Ziel der Schöpfung war noch nicht
erreicht. Mathilde Ludendorffs intuitive Erkenntnis war, daß ein
Lebewesen, das Bewußtsein besitzt und bewußt Gott erleben kann,
das Schöpfungsziel ist. Davon war der Einzeller noch weit
entfernt. Seinen Abwandlungsmöglichkeiten und seiner Größe waren
Grenzen gesetzt. Es mußte also etwas anderes, Neues geschehen.
Erst die Teilung in Körper- und Keimzellen, also der Mehrzeller,
brachte Weiterentwicklung. Gleichzeitig mit dem ersten
Mehrzeller trat dessen zeitliche Begrenzung, der Tod, auf, der
seitdem alles Leben begleitet. Das Streben, ihm zu entkommen,
hat die Entwicklung neuer, höherer Arten explosionsartig
angetrieben. Das Sterben-müssen scheint also der Preis für
dieses Ziel gewesen zu sein.
Aber welche Bedeutung hat nun der Tod für den Menschen?
Der Mensch als Schlußpunkt dieser Entwicklung ist aufgrund
seines Bewußtseins das einzige Lebewesen der Schöpfung, das sein
Schicksal kennt, das weiß, daß es irgendwann einmal sterben muß.
|
Dieses Wissen um
die Begrenztheit seines Daseins setzt dem Menschen
zeitliche Grenzen, treibt ihn – wenn er nicht nur
materiell denkt - zu seelischer Entwicklung, und
ermöglicht so erst die Erfüllung des Lebenssinns.
Endloses Dasein zwingt dagegen nicht zu Entwicklung. |
Stellen wir uns einmal den umgekehrten Fall vor! Der Mensch
würde genauso wie der erste Einzeller niemals altern. Wäre
endloses Daseinsmuß als bewußtes Einzelwesen, also ewiges Leben,
nicht eher Folter als Geschenk? Käme es dann nicht zu
Lebensmüdigkeit und Überdruß? Und würde es dann auf Erden nicht
recht eng werden? Damit wäre der Anzahl der Menschen Grenzen
gesetzt. Neue Persönlichkeiten würden irgendwann einmal nicht
mehr oder allenfalls äußerst begrenzt entstehen. Nur durch Mord
und Totschlag oder Seuchen könnte Platz geschaffen werden. Der
Wille zur Mannigfaltigkeit, der dem Göttlichen eigen ist, könnte
nicht erfüllt werden. Der Verschiedenartigkeit von
Ausdrucksformen göttlichen Erlebens wären Grenzen gesetzt. Die
ewige Erhaltung einer Einzelpersönlichkeit würde zu viel Enge
für das Göttliche bedeuten. Durch das Todesmuß wird es davor
bewahrt. Somit hat das Todesmuß, so traurig es auch immer für
die Zurückgebliebenen ist, göttlichen Sinn.
Unbeantwortet blieb bisher noch die Frage nach dem
Sinn der menschlichen
Unvollkommenheit.
(Zum Seitenanfang)
Die Feststellung „der Mensch ist unvollkommen" hatten wir schon
einmal getroffen.
Doch hätte nicht der Mensch gleich vollkommen geschaffen werden
können? Dann wäre doch der Welt viel Leid und Elend erspart
geblieben!
Um den Sinn zu erklären, müssen wir uns erneut mit der
Entwicklungsgeschichte befassen und einen Blick auf das
unterbewußte Tier werfen.
Dieses ist nämlich noch vollkommen.
Vielleicht wundern Sie sich? Das weit unter dem Menschen
stehende Tier soll vollkommen sein? Das ist so, denn es kennt
keine Sucht, kein „demographisches Problem" und keine Bosheit.
Alles, was es tut, um seine Herde zu verteidigen, sich
fortzupflanzen, sein Futter zu suchen, seine Brut zu schützen,
sein Territorium zu sichern, dient vollkommen seiner Selbst- und
Arterhaltung. Dazu ist es durch seine Instinkte bestens
ausgerüstet. Giftpflanzen werden instinktiv gemieden. Der Feind
wird nur solange bekämpft, wie er in Reichweite ist. Mit dem
Verschwinden aus dem Blickfeld ist er auch schon wieder
vergessen. Kommt es zu abartigem Verhalten, hat meistens der
Mensch eingegriffen (Blutrausch des Marders im Hühnerstall). Je
höher ein Tier entwickelt ist, desto weniger ist genetisch
festgelegt, desto mehr muß ein Jungtier lernen, desto
anpassungsfähiger und vielfältiger wird sein Verhalten, während
die einfacheren Tierarten oft nur eine einzige
Handlungsmöglichkeit kennen.
Ein Tier kann also nicht anders handeln, als es ihm sein Erbgut
vorgibt. Sein an Instinkte gebundenes Handeln ist nicht frei,
aber vollkommen an sein natürliches Lebensumfeld angepaßt.
Nun ist der Mensch entstanden. Der Mensch besitzt als einziges
Lebewesen (Ich)-Bewußtsein. Das heißt, er kann wahrnehmen,
denken, fühlen, empfinden und handeln. Er kann sich gesondert
von der Umwelt sehen, sich Gedanken über sein Dasein machen,
abstrakt denken und sich alles mögliche merken. Der Mensch ist
das einziges Lebewesen des Weltalls, das fähig ist, göttliche
Wesenszüge in sich zu erleben (das Gute, Wahre …). Er kann sein
ganzes Leben danach gestalten, und sein Erleben auf seine Mit-
und Nachwelt ausstrahlen lassen, wie es durch die Werke großer
Künstler geschieht. Der Mensch ist aber auch das einzige
Lebewesen im Weltall, das sich körperlich und seelisch ruinieren
kann, das in der Lage ist, sich und seinen Mitmenschen das Leben
schwer zu machen oder sogar zu zerstören. Seine Selbst- und
Arterhaltung ist nicht mehr durch Instinkte gesichert.
Warum nur?
Zugunsten der Möglichkeit, Göttliches zu erleben, ist diese
Bindung an Zwangshandlungen zerschnitten, wurde dem Menschen
Entscheidungsfreiheit ermöglicht, ist sein Handeln „frei"
geworden. Denn: die göttlichen Wünsche erhalten erst dann ihren
Wert, wenn sie durch eigenen Entscheid, spontan und freiwillig
erfüllt werden. Somit muß der Mensch die Wahl haben, zu einem
anständigen, zu einem teuflischen Menschen oder zu einer der
Zwischenformen zu werden. Zugunsten dieser Freiheit ist der
Selbsterhaltungswille des Menschen unvollkommen geworden,
wodurch er – siehe oben - mithilfe der Vernunft und ihrer
Fähigkeiten erkennen, sich merken und erstreben kann, was Lust
bereitet und Leid vermeidet.
|
Die
Unvollkommenheit ist der Preis für die Freiheit zu
göttlichem Erleben. |
Stellen wir uns den umgekehrten Fall vor:
Wären wir schon von Geburt an vollkommen, hätten wir nie die
Freiheit gehabt, uns selbst zu entscheiden, selbst die Wahl zu
treffen, dann wäre unser Verhalten zwangsbestimmt gewesen. Zwang
ist jedoch unvereinbar mit dem Göttlichen. Ein Wesenszug des
Göttlichen ist Freiheit!
Somit hat diese Unvollkommenheit göttlichen Sinn. Deshalb werden
Menschen auch weiter unvollkommen geboren werden, solange es sie
gibt.
Doch ist der Mensch nicht hilflos dieser Unvollkommenheit
ausgesetzt. Durch Erfahrung kann er die verloren gegangene
tierische Instinktbindung zur Selbst- und Volkserhaltung
ersetzen. Dazu sind ihm die Fähigkeiten zum Wahrnehmen, Denken,
Fühlen und Wollen mitgegeben worden. Damit kann er Wissen
erwerben und für dessen Verwendung die Vernunft einsetzen, wobei
dies so sinnvoll wie möglich geschehen sollte um ein
vollwertiger Ersatz für die verlorengegangenen Instinkte zu
werden. Es ist aber auch nur die Erfahrung wertvoll, die
wahrheitsgetreu übermittelt wird. Ihre Verwendung unterliegt
jedoch ebenfalls der menschlichen Lustgier und Leidangst.
In diesem Zusammenhang befaßte sich Mathilde Ludendorff
besonders mit dem Gewissen, das in vielen Religionen als
zuverlässiger innerer Maßstab für Entscheidungen gilt. Aber
genau davor warnt sie und weist darauf hin, wie oft in unserer
Geschichte mit gutem Gewissen übelste Taten vollbracht wurden.
(Bsp.: Inquisition und Hexenverbrennungen, die mit grausamsten
Folterungen verbunden waren). Auch die Täter von damals hatten
bei ihrer Arbeit ein gutes Gewissen.
Bei der Frage nach der Ursache dafür stoßen wir wieder auf die
menschliche Vernunft, die allerdings dem lustsuchenden und
leidmeidenden Wirken des unvollkommenen Selbsterhaltungswillens
ausgesetzt ist. Sie hat Zugriff auf das Gewissen und neigt dazu,
sich vor oder nach einer Tat Beweggründe zurechtzulegen oder
auch von außen aufzugreifen, die vor Unlusterleben schützen und
ein gutes Gewissen erhalten sollen. Die Vernunft betreibt also
Selbsttäuschung, um den eigenen Seelenfrieden zu retten. Sich
einzureden oder einreden zu lassen, daß solche Gewalttaten zum
Wohl und Heil des christlichen Glaubens geschehen würden,
verhalf so manches schlechte Gewissen zum Schweigen zu bringen,
wenn es sich denn überhaupt noch regte.
Daher ist einem guten Gewissen gegenüber immer ein gewisses
Mißtrauen angebracht.
Die Bedeutung von Völkern
(Zum Seitenanfang)
Völker sind nicht wie der einzelne Mensch dem Todesmuß
unterworfen. Sie können - entgegen manch anderslautenden -
unsterblich sein, wenn sie nicht durch Krankheit, Gewalt, Unfall
oder durch Aussterben untergehen. Völker sind
Schicksalsgemeinschaften, die außer durch ein äußeres Band, die
Geschichte, noch durch ein inneres, seelisches Band, d.h. ein
gemeinsames unterbewußtes Erbgut zusammengehalten werden.
Mathilde Ludendorff nennt das die Volksseele. Manchmal ist in
den Medien zu hören oder zu lesen, daß „die Volksseele kochte",
womit ein gemeinsames Erleben, meist eine Empörung, beschrieben
wird. Das weist aber schon darauf hin, daß die Menschen eines
Volkes gemeinsame seelische Eigenarten zeigen, in denen sie sich
von anderen Völkern unterscheiden.
Dieses unterbewußte Erbgut hat verschiedene Aufgaben und
Auswirkungen:
-
Es berät alle Fähigkeiten des Bewußtseins, also das
Wahrnehmen, Denken, Fühlen und Handeln. Dann sprechen
Menschen „von einer Ahnung die sie haben oder einem
instinktiven Drang". In besonderen Situationen, z.B. bei
einer allgemeinen Gemütserschütterung oder in Todesnot,
erzwingt sich das unterbewußte Erbgut, die Volksseele, sogar
den Zugang zum Bewußtsein und beeinflußt Handlungen. Und
zwar in allen, die es besitzen und in denen es nicht
verschüttet wurde. Das geschah zum Beispiel 1914 bei
Ausbruch des ersten Weltkrieges; dies geschah nach dem Fall
der Mauer 1989, als im Bundestag spontan das Deutschlandlied
angestimmt wurde. Doch ist dies sehr selten.
-
Es ist verantwortlich für die unterschiedlichen
Charaktereigenschaften der Völker: Die einen sind mehr
verwurzelt im Vertrauten, seßhaft und bringen ihre Heimat
zur Blüte, die anderen lockt die Tiefe des Raums und
Entdeckerfreude zu Erforschungen in die weite Welt. Für die
einen ist die Bewahrung der persönlichen Ehre das höchste
Gut, der andere beugt sich lieber um zu überleben. Bei den
einen gibt es eine ausgeprägte Privatsphäre, der andere
braucht die unmittelbare Nähe seiner Mitmenschen. Die
Vielfalt ist fast unendlich groß.
-
Es findet seine Ausdrucksform in der Kultur. Dabei
unterschiedet die Philosophin zwei verschiedene Quellen, aus
denen diese entstehen kann:
a) Hat sie ihr Entstehen dem Unterbewußtsein zu verdanken,
wurde sie aus einer Gemütsbewegung oder -erschütterung
geschaffen, dann ist das die Volkskultur: Alle Volkslieder,
Trachten, Volkstänze, Volksdichtungen, viele Gebäude,
Skulpturen oder
Malereien, Sitten und Bräuche gehören zur Volkskultur, die
eine unverwechselbare Ausprägung besitzt. Sie bewirkt beim
Miterlebenden, der das gleiche Seelenerbe besitzt, ebenfalls
eine Gemütsbewegung. Das stärkt nicht nur das Angeborene,
sondern verbindet auch ohne viele Worte. Überlegen Sie
einmal, was Sie fühlen, wenn Sie ein altes deutsches
Volkslied hören und einen arabischen Gesang! Das eigene
Volksgut ist vertraut, wirkt heimisch, bewegt die Seele, das
andersartige ist unvertraut, bleibt fremd, zugangslos oder
wird manchmal sogar als unangenehm schrill empfunden.
Umgekehrt geht es auch anderen Völkern, wenn Sie deutsches
Volksgut erleben. Somit ist es für die Art des
Gemütserlebens verantwortlich. Volkskultur wird im
allgemeinen nur von Menschen mit gleichem gemeinsamem oder
verwandtem unterbewußten Erbeigenschaften „verstanden".
b) Entstehen kulturelle Werke aus dem Erleben des
Göttlichen, können sie, obwohl sie Züge der Persönlichkeit
des Schaffenden und seines unterbewußten Erbgutes tragen,
auch von Menschen aus anderen Kulturkreisen und mit anderer
Mentalität nacherlebt werden. Dies erklärt, warum Mozarts
Musik so gerne von anderen, vor allem asiatischen Völkern
geliebt und gespielt wird.
-
Auch in der unmittelbaren Verehrung des Göttlichen finden
Sie die unterschiedlichsten Ausdrucksmöglichkeiten des
unterbewußten Erbes: griechische Tempel geben anderes
Erleben wieder als die heiligen Haine der Germanen. Die
gotischen Dome unterscheiden sich deutlich von den
asiatischen Pagoden. Die arabische Kaaba oder die
islamischen Moscheen sind Ausdruck wieder eines anderen
Gotterlebens. Jedes Volk erlebt bestimmte Wesenszüge des
Göttlichen besonders innig. Die einen mehr das Schöne, die
anderen mehr das Gute. Die einen fühlen sich dem Göttlichen
vertraut und ihm ebenbürtig, die anderen neigen sich demütig
davor, lieben die Geborgenheit unter dem Höheren. Die einen
erleben Gott in Verzückung, die anderen in Versenkung.
Arteigenes Gotterleben nennt Mathilde Ludendorff all das
Erleben des Schönen, Guten und Wahren, das in der eigenen
Kultur zum Ausdruck kommt und das seine Wurzeln im
Unterbewußtsein jedes einzelnen hat und über alles
persönliche Erbe hinweg verbindend wirkt.
Der Unterschied
zwischen Kultur und Zivilisation
(Zum Seitenanfang)
Vielleicht haken Sie hier ein und bitten um einer genauere
Unterscheidung der Begriffe „Kultur" und „Zivilisation"? Die von
der Philosophin Mathilde Ludendorff gegebene Abgrenzung ist
klar, im allgemeinen Sprachgebrauch aber unüblich.
Kultur ist das schon beschriebene, zu Worten, Taten und Werken
gewordene Gotterleben oder Gemütserleben eines Volkes. Kultur
ist „unnütz", verfolgt keinen Zweck, wenn sie ehrlich ist.
Mathilde Ludendorff bezeichnet sie übrigens dichterisch als
„Gottlied". Die aus einem inneren Erleben heraus geschaffene
Kultur unterscheidet die Philosophin deutlich von der
Zivilisation, der alles von der Vernunft Erdachte zu verdanken
ist, also alles das, was nützt oder einem Zweck dient, besonders
das, was das Alltagsleben erleichtert. Natürlich gibt es
Überschneidungen zwischen beiden, denn auch ein nützlicher
Gegenstand kann schön sein.
Verschwindet eine Kultur, ein „Gottlied aus dem Chor der
Völker", weil ein Volk ausstirbt, so wird die Welt um eine
Ausdrucksform göttlichen Erlebens ärmer, wird die
Mannigfaltigkeit bewußten Gotterlebens auf der Welt geringer und
zwar unwiederbringlich. Mannigfaltigkeit ist jedoch – wie schon
erwähnt - einer der Wesenszüge des Göttlichen. Das Verschwinden
eines Volkes kommt somit einer Verarmung des Göttlichen gleich.
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Daher hat jeder
Mensch eine Doppelaufgabe in seinem Leben:
Volkserhaltung und Gotterhaltung. |
Wo liegt die Grenze
zwischen Pflicht und Freiwilligkeit?
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Tatsächlich gibt es Lebensbereiche, in denen wir verpflichtet
sind, in bestimmter Weise zu handeln und andere, die unsere
ureigenste Angelegenheit bleiben müssen.
Eine genaue Abgrenzung finden wir wieder bei Mathilde
Ludendorffs. Sie unterscheidet zwischen Sittengesetz und Moral.
Selbst philosophische Wörterbücher zeigen nicht diese
Genauigkeit.
Moralisch handelt ein Mensch, wenn dies im Einklang mit dem
Wunsch zum Guten, Wahren, Schönen und einer davon geleitete
Menschenliebe geschieht. Dies ist, weil es die seelische
Entwicklung betrifft, seine ganz persönliche Angelegenheit (bei
einer Lüge aber nur insoweit, als kein anderer geschädigt wird);
dafür muß er absolute Freiheit haben, darf also – schon um der
Echtheit willen - nie von außen zu einem bestimmten moralischen
Verhalten gezwungen, dafür belohnt oder bestraft werden.
Unter Sittengesetz versteht die Philosophin alle Pflichten und
Regelungen, die den Schutz des Dasein, des Eigentums, der
Selbst-, Sippen- und Volkserhaltung sowie die Möglichkeit zur
Erfüllung des Lebenssinns sichern. Den Rahmen dafür zu schaffen,
ist Aufgabe des Staates. Das Sittengesetz muß Ersatz für die
Selbst- und Arterhaltungsinstinkte der Tiere sein, da diese ja
beim Menschen auf Kosten seiner Bewußtheit unvollkommen geworden
sind. Diesem Sittengesetz sind aber Grenzen gesetzt, denn es
darf nie in die seelische Entwicklung des Einzelnen eingreifen
und keine Forderungen aufstellen, die unmoralisch sind. Somit
ist das Sittengesetz der Moral untergeordnet.
Die Einhaltung des Sittengesetzes ist lediglich - wie es
Mathilde Ludendorff ausdrückt - „moralischer Nullpunkt". Das
heißt, seine Einhaltung darf nicht belohnt werden. Sie ist
genauso selbstverständlich wie das Anhalten an einer Ampel bei
rot. Ein Unterlassen ist jedoch Unrecht und muß bestraft werden.
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Sittengesetz ist
stets mit Pflicht verbunden – Moral immer mit
Freiwilligkeit. |
Anhand dieser ganzen Ausführungen können Sie sicher verstehen,
daß Mathilde Ludendorff darum bittet, jeden wirklich Gläubigen
zu achten, daß sie es ablehnt, ihm den eigenen Glauben zu
zerstören. Damit wendet sie sich gegen jeglichen
Bekehrungseifer.
Nur suchende Menschen können auf die „Gotterkenntnis"
hingewiesen werden.
Eine Überzeugung Andersgläubiger kann dagegen immer nur durch
das Vorbild geschehen. Das einzige, was die Philosophin einem
Gläubigen übelnimmt, ist berechnende Heuchelei.
Mit diesen Gedankengängen sind wir am Ende unserer Wanderung
angekommen.
Diese Grundgedanken sind der Beginn einer Reihe „philosophischer
Wanderungen", die nach und nach erscheinen und die Sie auf
ähnlich gestalteten Wegen durch die verschiedenen Themenbereiche
der Philosophie Mathilde Ludendorffs führen werden.